Anregungen aus dem Impro-Theater

Gestern war ich mit ein paar Freunden beim Improvisationstheater (auch Impro-Theater) “Tapetenwechsel” in Magdeburg. Im Impro-Theater spielen die Schauspieler Stücke dessen Drehbuch noch nicht geschrieben wurde. Jede Geschichte entwickeln die Schauspieler also live mit ihren Kollegen und mit ihrem Publikum.

Das beeindruckende für mich ist, dass im Sekundentakt dort Geschichten spontan entwickelt, geändert und dramatisiert auf die Bühne gebracht werden. … und das sehr gut! Meiner Meinung nach geben die Impro-Theater Spiele einen guten Rahmen und können für die Ideenentwicklung von Kurzgeschichten sehr interessant sein.

Hier eines der Spiele von gestern Abend als Beispiel:

  • Was könnte der Titel eines Stückes sein?
  • Ein Titel wird aus dem Publikum geholt.
  • Schauspieler gehen nun auf die Bühne und spielen eine Szene.

Die gestern Abend entstandene Geschichte war folgende …

Titel: Die drei am Südpol

Drei russische Brüder befanden sich urplötzlich mitten im Südpol. Fragend und bibbernd schauten sie sich an. Dimitri, der älteste unter den Brüdern, sagte mit gebrochenem Akzent: “Ey, wir brauchen Bewegung sonst erfrieren wir hier noch.” Im gleichen Moment machte er seinen Hosenstall auf. Fragend schauten ihn seine beiden Brüder an und Dieter fragte nun Dimitri: “Was zur Hölle soll das werden?” Dimitri daraufhin: “Na, ich pinkle uns ein Loch in die Eisdecke, damit wir Eisangeln können.” Einig nickten alle Brüder.

Nun bahnten sich alle drei Brüder mit geballter Pinkelkraft den Weg durch die massiven Eisschichten. Nach einer Weile ist es ihnen gelungen: Wasser! Der jüngste Bruder holte aus seinem Rucksack eine Teleskop-Angel und gab sie Dimitri. Kaum nahm Dimitri die Angel in die Hand, wurde er von einem Ruck in das Loch der Eisdecke gezogen. Egon ergriff blitzschnell das Ende der Angel. Aber der Ruck zog Dimitri schon in das eiskalte Wasser. Ihr Bruder hielt ein Stück der Angel in den Händen, denn die Schnur wickelte sich in einem enormen Tempo ab. Die beiden auf der Eisschicht zurückgebliebenen Brüder Dieter und Egon zogen mit all ihren Kräften an der Angel. Nach einer gefühlten Ewigkeit haben sie es geschafft. Sie zogen ihren klitschnassen, eiskalten und noch völlig benommenen Bruder wieder auf das Eis zurück.

Dimitri öffnete langsam seine Augen. Er schaute seine Brüder an und sagte: “Es ist unglaublich. Das ist eine andere Welt dort unten. Frauen mit großen Brüsten und Flossen ab der Hüfte. Sie sind so schön, dass es dir den Atem verschlägt. Sie spielen mit sprechenden Krabben und Fischen. Sie singen alle und tanzen. Alle sind so eine schöne große Familie. Egon, Dieter, so wie wir uns das immer erträumt hatten. Lasst uns gemeinsam runtergehen und diese Welt genießen.” Seine zwei Brüder kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Sie stimmen zu und springen dann gemeinsam in das Eisloch.

2 thoughts on “Anregungen aus dem Impro-Theater”

  1. … und wir hatten noch richtig Spaß in dieser Unterwasserwelt. 😉

    Das interessante ist, dass beim Impro-Theater bei jedem Zuschauer die Kurzgeschichte im Kopf ein bisschen anders aussieht, da beispielsweise die üblichen Beschreibungen der Umgebung eher dünn ausfallen können, die Darsteller gelegentlich parallel sprechen (man bekommt nicht alles mit), die Gefühlszustände der Protagonisten unterschiedlich interpretiert werden … die Liste ließe sich fortsetzen.

    Impro-Theater treibt das Entwickeln von zudem Szenen recht schnell voran, da die Darsteller auf der Bühne ihre eigenen, spontanen Eingebungen und die ihrer Mitspieler nicht bewerten und ggf. verwerfen sondern annehmen und ausbauen sollen. Die Geschichte auf der Bühne erarbeitet sich erst ihren Sinn und ihren Weg (manchmal auch nicht), was der klassische Kurzgeschichtenautor in meinem Verständnis bereits vor dem Schreiben grob macht, um seine gewünschten Informationen richtig zu transportieren.

    Hier stellen sich die Fragen:
    Wie sähen Kurzgeschichten aus, wenn der Autor einfach nur seinen spontanen Eingebungen folgen würde, ohne Charaktere und Story grob vorauszuplanen? Käme noch etwas Nachvollziehbares für den Leser heraus? Würde es der Leser noch lesen wollen?
    Wie sähe das aus, wenn mehrere Autoren parallel im Netzwerk an einem Projekt schreiben würden, ähnlich den Darstellern auf der Improbühne. Schwingt sich das Team irgendwann auf eine gemeinsame Geschichte ein? Wie finden Eingebungen eines jeden ihren Platz?

    … spannend

  2. Jana, es gefällt mir sehr, wie du die Geschichte aufgeschrieben hast! Man kann sich die Charaktere lebhaft vorstellen, sieht sie quasi vor dem eigenen inneren Auge auf das Eis pinkeln ;-).

    Das ist sicher nur möglich, weil du die Vorstellung noch einmal Revue passieren lassen und die Geschichte für dich geordnet und strukturiert hast. Ich könnte mir vorstellen, dass du bestimmte markante Punkte der Vorstellung vom Abend mehr in den Mittelpunkt gerückt hast, einfach weil sie einer Art Motivation (Worauf möchte ich mit der Geschichte hinaus?) folgen.

    Vielleicht liegt da auch einfach der große Unterschied zwischen erzählten und aufgeschriebenen Geschichten. Erzählte Stories werden generell nur einmal erlebt, man folgt ihrem Verlauf, lässt sich überraschen und unterhalten. Meistens kann man nicht mehr zurück zu einem frühren Punkt der Story, um eventuell noch einmal zu überprüfen, ob das alles auch “Sinn macht”. Das ist einem danach aber auch meist egal, zurück bleibt ein angenehmes Gefühl und eine gelachte Träne in den Augen.
    Bei geschriebenen Texten ist das anders: Man sucht regelrecht nach einer Art Moral oder Erkenntnis. Ist eine Geschichte nicht schlüssig und folgerichtig geschrieben, liest man sie eher nicht weiter. In der Sprachwissenschaft spricht man dann von Kohärenz, d.h. wie im Text einzelne Inhaltselemente auf logische Weise miteinander verknüpft sind. Auch wenn man damit sicherlich auch spielen kann, muss ein Text doch zumindest einigermaßen kohärent sein, damit man ihn versteht.

    Spannend finde ich Karstens Gedanken: Was würde entstehen, wenn mehrere Autoren parallel an einer Geschichte schreiben? Das erinnert mich ein bisschen an ein Spiel, in dem man den letzten Begriff aus dem Satz seines Vorgängers aufgreifen muss und damit einen eigenen Satz bilden muss. Der nächste an der Reihe muss dann wiederum das letzte Wort nehmen und so weiter. Soweit ich mich erinnern kann, sind dabei ziemlich lustige Geschichten entstanden. :-) Während es Erzählens wurde dann auch meistens versucht, das ganz logisch hintereinander zu reihen.

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